Warum Indien


Warum Indien?

Weil Indien rockt….

Kürzer könnte ich mein Gefühl für Indien nicht beschreiben. Die so vielfältige Kultur, die so anders ist, als die unsere und doch so vertraut, als ob ich es schon ewig kennen würde. Die Menschen, die Farben, die Abenteuer, die locken und die Philosophie. Vielleicht ist mir die indische Philosophie am nächsten von allen Punkten. Als ich mit 20 Jahren Philosophie zu studieren begann, war es ein verzweifelter Versuch die Welt zu verstehen. Und doch folgte nur eine weitere Desillusionierung. Öde, langweilig, nicht befriedigend genug erschienen mir die ganzen Versuche westlicher Philosophen die Welt zu erklären. Lediglich ein Kratzen an der Oberfläche der Realität. Ein Hin- und Herschieben von Fakten, ohne jeglichen Metamorphoseeffekt.

Durch einen Zufall wurde mit 24 Jahren endlich mein Suchen beendet. Ruhe kehrte zwar immer noch nicht ein, aber dafür wurde das Chaos etwas verständlicher. Als ich die Bhagavad- Gita zum ersten Mal aufschlug. war es wie ein nach Hause kommen..ehrlich. Es ist nicht so, daß ich mich nicht ordentlich dagegen gewehrt hätte. Doch, das habe ich versucht, aber mein Freund Zufall ist mir schon oft dabei behilflich gewesen, meinen beschränkten Raum zu verlassen. Ich hatte damals in einem Kaufhaus gearbeitet, Habe morgens Regale aufgefüllt und die Salatbar hergerichtet. Dinge, die halt Studenten tun, um zu überleben.

Dort lernte ich einen Alt- Griechisch/ Latein Studenten kennen und als er mich eines Tages besuchte, brachte er mir die Bhagavad- Gita mit. Ich war nicht besonders begeistert. Polen, mein Herkunftsland, hatte mir mit seinem strengen Katholizismus bereits Jahre zuvor die Neugier auf Spiritualität gründlich verdorben. Jetzt war ich Philosophie Studentin. Und zwar Großgeschrieben.

Auch mein 3 Jähriger Aufenthalt auf einem katholischen Internat in Bielefeld konnte mein Verhältnis zur Kirche nicht wirklich stabilisieren. Wofür ich dankbar bin, war die Erfahrung mit den dort regierenden 😉 Nonnen, die es schafften Liebe, Geduld, Offenheit und Disziplin in unsere verwirrten Mädchenköpfe für alle Ewigkeiten zu imprägnieren. Ich blicke bis heute mit Liebe und einem Lächeln auf diese starken Frauen zurück…Diese 3 Jahre haben mich für alle weiteren Stürme des Lebens gewappnet.

Auch eher etwas seltenes aus meiner Zeit in Marburg.

Aber zurück zu Christoph, dem Alt-Griechisch und Latein Studenten. Er grinste damals nur, stellte die Bhagavad- Gita in mein Regal und sagte, daß ich es lesen soll, wenn ich mal Zeit haben werde. Der Zufall war der selben Meinung und schon bald habe ich meine Arbeit in diesem Kaufhaus aufgegeben müssen, weil dem Chef es nicht gefiel, daß ich mein grade kurz geschorenes Haar mit einem Tuch bedeckte. Die Philosophie seines Ladens fühlte sich durch das Tuch gewaltig gestört, auch wenn mich morgens um sechs kein Kunde zu Gesicht bekam. Aber nun,er war der Boss und nach kurzen Diskussionen verließ ich den Laden freiwillig.

Ich fand einen neuen Studentenjob, wo ich einen Monat lang zusehen mußte, wie ich mit 15 Studen Nachtschicht zurecht komme- die Messe Frankfurt wurde zu meinem spirituellen Tempel erster Stunde <3 .

Ich erinnerte mich an das dicke Buch, das in meinem Regal stand und nahm es mit, nur so, um rein zu schnuppern. Auch wenn ich Christoph nur noch wenige Male für kurze Momente sah, so machte er nicht grade einen verwirrten Eindruck. Ein fröhlicher Mensch,der selbst gemachten Käse zum Abtropfen über seiner Spüle hängen hatte….aber dazu mehr ein anderes Mal.

Die Bhagavad- Gita wurde seit dieser ersten Nacht zu meinem Begleiter- bis heute. Ich hatte tatsächlich etwas gefunden, daß genau meine Gedanken aussprach, die ich sonst noch nie in dieser Form gehört oder gelesen hatte. Bang!, ich war zu Hause! Da gab es bereits Tausende Jahre vor mir Menschen, die ähnlich dachten! Ich behielt diese Einsicht aber zunächst für mich…also so für die nächsten 10 Jahre. Sicher war sicher. Es war ja nur ein Buch… Christoph war bereits weggezogen, bevor ich sie zu lesen begonnen hatte und Handies waren grade erst dabei die Welt zu erobern. Facebook gab es auch noch nicht. Es war die Zeit, als über Nacht alle Studis ihre ersten Computer bei Aldi ergattert hatten…..Der Kontakt war abgebrochen.

Ein seltenes Foto aus meiner Messe- Anfangszeit. :). Ja, ich habe grade etwas gegessen..

Die nächsten Jahre arbeitete ich im Büro einer Sicherheitsfirma auf der Messe Frankfurt und genoss die Welt, die sich täglich um mich scharrte. Man muß nicht immer selbst raus, um eine Menge zu lernen. Nur neugierig und achtsam muß man sein.

 

Messe Frankfurt.

Einmal mußte ich in der Nacht einspringen und siehe da, mein Freund Zufall war auch schon da. Ich sollte ausgerechnet auf den Stand einer indischen Textilfirma aufpassen. “Third World” hieß sie, existiert aber nicht mehr, obwohl vielfach ausgezeichnet.
Ein zugeknüpfter, etwas kontrollsüchtiger Inder ordnete seine letzten Dinge und ließ mich nicht mal einen Kaffee selbst aufsetzten. Also setzte ich mich hin, holte meine Bhagavad- Gita raus und legte sie auf den Tisch. Irgendwann setzte sich der Herr des Hauses zu mir und wir begannen uns zu unterhalten. Das Eis wollte nicht wirklich brechen, obwohl er es interessant fand, daß eine Europäerin die Gita liest. Eine distanzierte Kühle umgab das Gespräch.

Messezeit

Plötzlich krachte unvermittelt sein Stuhl unter ihm zusammen und der etwas harsche Inder lag auf dem Boden. Nach kurzer Besinnung stand er lachend auf, die zerbrochenen Teile in der Hand haltend und kommentierte nur “Ikea”, (Danke IKEA an dieser Stelle 😛 ). Das Eis war gebrochen. Wir wurden Freunde. Er erzählte mir vieles über sein Leben und seine Vergangenheit.
Aber Indien als Land blieb für mich ein undurchschaubares Etwas, das ich nur anhand des mir hier bekannten irgendwie in meiner Phantasie zurecht biegen konnte.

Ich hatte auch nicht wirklich das Bedürfnis nach Indien zu fliegen. Bilder von wogenden Massen an Menschen schreckten mich von der Idee ab, mich selbst dahin zu begeben. Ich war nicht bereit.

Frankfurt.

Die Jahre vergingen und hinterließen Gipfel und Täler in meiner persönlichen Erinnerung. Als ich 27 Jahre alt wurde, hatte ich eine weitere Begegnung mit dem Spirituellen, überraschend wie immer, doch diesmal als eine existentielle Erfahrung, die mich für die folgenden Jahre bis aufs Knochenmark durchgeschüttelt hatte. Es war das Jahr, indem ich im Rückblick alles verloren hatte. Dabei prophezeite mir ein unbekannter Mann im Rollstuhl an der Schwelle zu jenem Jahr, daß es ein Jahr werden würde, in dem ich sehr viel Gewinnen würde…Das Universum zeigt oft unvermittelt seinen grandiosen Sinn für schwarzen Humor ;).

Ein Autounfall auf einer Reise in Jordanien vermittelte mir das Verständnis davon, was es bedeuten könnte, sein Leben zu verlieren- von einer Sekunde auf die Andere, mitten im Lachen. Und, daß wir auch in den schwierigsten Momenten niemals alleine sind.
Sind wir laut Bhagavad- gita nicht Seelen, die in Körper schlüpfen? Gibt es nicht laut aller Religionen eine transzendentale Welt? Mein Autounfall hatte dafür gesorgt, daß diese Weltsicht für mich etwas greifbarer wurde.

Mein Leben ging nach diesem Unfall zwar zäh, aber dennoch weiter.  Ich wurde Mutter eines Kindes, lernte etwas Yoga, las mich noch mehr in die Indischen Philosophie ein und hatte auch die Möglichkeit Indien, die Heimat der ausgeklüngelsten Philosophie der Welt zu besuchen. Ich wanderte durch das sagenhafte Land der Yogis, Uttarakhand, besuchte Varanasi, das spirituelle Zentrum schlecht hin und verbrachte auch etwas Zeit in einer Brahmanen Familie.

Das moderne Indien, obwohl es dann doch nicht immer so heilig ist, wie wir uns das gerne vorstellen, fasziniert durch seine Vielfalt und Dynamik. Es ist ein noch ungezähmtes Stück Land, das sich mit Höchstgeschwindigkeit in die Moderne katapultiert. Es wartet darauf, nicht nur in der Breite und Länge, sondern auch gebührend in seiner Tiefe entdeckt zu werden.